Von Enshittification zu Genug – Verantwortung im Design
Habt ihr auch das Gefühl, von lauter Content und Bergen an tollen Grafiken und Inhalten ein bisschen erschlagen zu werden? Alles wird gefühlt schneller, einfacher, zugänglicher, aber gleichzeitig wird es auch immer mehr. Viel mehr! Der erste Aspekt ist toll, der zweite Aspekt? Hm, darüber möchte ich hier ein bisschen reflektieren…
Bei der Masse an Social Media und Online-Präsenz habe ich oft das Gefühl, dass ich eigentlich mehr Zeit in Content stecken sollte. Doch irgendetwas blockiert mich: Mehr Inhalte bedeuten mehr Konkurrenz. Mehr Konkurrenz erzeugt mehr Druck. Und mehr Druck führt zu noch mehr Content. Ein Teufelskreis entsteht, in dem künstliches Wachstum zur Norm wird. Das „Mehr“ wird zur Selbstverständlichkeit.
Gerade in einer Ära von KI-generierten Inhalten und Plattform-Monopolen braucht es, glaube ich, einen Gegenentwurf: Vielleicht ist es an der Zeit, bewusst zu verlangsamen und den Menschen wieder vor den Algorithmus zu stellen.
Genug – Verantwortung statt Wachstum um jeden Preis
Es gibt Gegenbewegungen zu diesem ständigen „Mehr“, nicht nur im Design, sondern als grundsätzliche Haltung. Ein Beispiel dafür ist das Projekt aus meiner Praxis: enough.consulting, für das ich das Branding gestalten durfte. Diese Zusammenarbeit hat mir viel Inspiration und Zündstoff zum Nachdenken gegeben. Jess und Daniel, die Gründer:innen, helfen Unternehmen, differenzierter zu denken. Sie zeigen, dass Wachstum nicht um jeden Preis stattfinden muss und dass Werte wie Menschlichkeit, Nachhaltigkeit und Qualität im Mittelpunkt stehen können, um zukunftsfit zu sein. Diesen Gedanken teile ich – denn er gilt auch fürs Design.
Was ist Enshittification? Der digitale Zerfall
Vor ein paar Monaten bin ich bei einem meiner Liebelingspodcasts: „If I Ruled the World“ von Gillian Burke auf das Konzept der Enshittification gestoßen. Gillian war im Gespräch mit Cory Doctorow, einem kanadisch-britischen Journalisten, der 2022 den Begriff Enshittification (oder auf Deutsch sowas wie Plattformverfall) prägte. Enshittification beschreibt, wie digitale Plattformen wie Twitter/X, Facebeook, etc. nach und nach ihre Nutzer:innen ausbeuten, indem sie Qualität und Nutzererlebnis opfern, um Profite zu maximieren. Der Prozess erfolgt in drei Phasen:
1. Anlocken – Nutzer:innen werden durch ein gutes Angebot gewonnen, die Erfahrung ist positiv. Es macht Spaß auf der Plattform zu sein.
2. Ausnutzen – Die Plattform verschlechtert nach einiger Zeit das Nutzererlebnis, um Geschäftskund:innen Vorteile zu verschaffen (z.B. durch Werbung oder über Bezahlfunktionen).
3. Monetarisieren – Qualität und Nutzen werden weitgehend zugunsten des Profits reduziert.
Das Ergebnis: massenhaft austauschbare Inhalte, Überladung mit Werbung – ein digitales Rauschen, das Aufmerksamkeit und Ressourcen verschlingt. Enshittification eben…
KI-Slop, Fake Content und meine Liebe zur menschlichen Kreativität
Es fühlt sich an, als würde das Internet langsam ertrinken. In Content, der nichts mehr sagt oder sich dauernd wiederholt. KI-generierte Texte, Bilder und Videos überschwemmen digitale Plattformen. Sie sind oft fehlerhaft, austauschbar oder sogar gezielt manipulativ. Falsche Inhalte können politisch instrumentalisiert werden oder rein auf Profit optimiert sein, ohne Transparenz darüber, woher sie eigentlich kommen.
Ich frage mich oft, wo hier das Verantwortungs- und Feingefühl geblieben ist. Bei den Menschen, die diese Tools nutzen, und bei den Betreiber:innen.
Tech-Konzerne nutzen künstlerische Werke ohne Erlaubnis, um ihre Modelle zu trainieren, und verdienen damit Geld auf Kosten der Künstler:innen. Wir bekommen den Eindruck, dass menschliche Kreativität billig ersetzt werden kann – doch sie reproduziert nur, was bereits existiert.
Und all diese Daten und Informationen wurden zuerst von kreativen Handwerker:innen erstellt! Versteht mich nicht falsch: KI kann durchaus ein interessantes Tool sein, um etwas komplett Neues zu entwickeln, wenn wir es mit unserer eigenen Kreativität geschickt nutzen.
Aber hier bin ich wieder beim Kern der menschlichen Erfindungskraft und meines eigenen Ansatzes: strategische Konzeptentwicklung, wertebasierte Gestaltung und echte, rohe Kreativität, die aus Handarbeit, Dialog, Intuition, Erfahrung und Sinnen entsteht.
All das beschreibt einen Prozess und keinen KI-Prompt.
Social Media und das Problem mit den Algorithmen
Ich habe mit Selbständigen im Business gesprochen, die monatelang versucht haben, sich den unberechenbaren Regeln von Algorithmen anzupassen. Sie haben viel Zeit und Energie investiert, hatten große Hoffnungen und wurden dann aber enttäuscht. Denn nicht immer klappt die Strategie.
Die Gründe dafür sind vielfältig: Algorithmen ändern sich ständig, Plattformen wie Instagram oder TikTok priorisieren bezahlte Inhalte, und die Überfülle an Content macht es schwer, aufzufallen und sichtbar zu werden.
In einem meiner Gespräche erfuhr ich, dass es Likes auch zu kaufen gibt. Das hat mich höchst irritiert. Würde ich das tun, wäre das ein Ethikdilemma, das ich zugunsten einer Plattform eingehen würde. Das ist mir die Unehrlichkeit nicht wert.
Kennt ihr vielleicht dieses unliebsame Gefühl, nur noch für die Plattform zu arbeiten und weniger für den eigenen Traum? Ich kenne es nicht, weil ich es nicht tue … aber ich glaube, es ist ein reales Ding.
Wertvolle Alternativen zu Social Media
Ich bin immer auf der Suche nach Lösungen und habe kein allgemeingültiges Rezept. Aber ich bin der Meinung, es gibt auch schöne alternative Wege, die man gehen kann. Was mir dazu einfällt oder worauf ich immer wieder stoße, ist ein Mix aus analog und digital:
♥ Echte Verbindungen: persönliche Treffen, lokale Netzwerke, Empfehlungen
♥ Regionale Kooperationen: mit Unternehmen, Projekten oder Initiativen, die deine Werte teilen
♥ Eigene Kanäle: Newsletter, Website, Blog, geschlossene Communities, Patreon, Substack – wo du die Kontrolle hast
Natürlich decken diese Möglichkeiten nicht alle Optionen ab und sie sind vielleicht nicht für jede:n passend. Aber es sind Mittel, die ich im Moment für sinnvoll erachte. Neben der Unabhängigkeit von Algorithmen bieten diese Alternativen auch mehr Datenschutz. Im Vergleich zu großen Social-Media-Plattformen ist die Reichweite oft geringer, dafür hat man mehr Kontrolle und kann langfristig Vertrauen aufbauen, weil sie auf ehrlicher Interaktion basiert.
Für mich zählt am Ende nicht die Zahl der Likes oder die Zahl der Personen, die meinen Post gesehen haben. Ich möchte vielmehr, dass meine Arbeit die RICHTIGEN Menschen erreicht. Jene, die sich für meine Inhalte und meine Arbeit wirklich interessieren und die ich auch tatsächlich unterstützen kann. Und ganz häufig passiert das analog im persönlichen Austausch oder in einem geschützteren digitalen Raum.
Ethisches Design und Entschleunigung
Die Entschleunigung des Designs ist eine Einladung zur Selbstreflexion: Was macht gutes Design heute eigentlich aus? Für mich ist es nicht die makellose KI-Ästhetik, der neueste Trend oder die schiere Masse. Wenn Gestaltung sich nur auf Sichtbarkeit, Likes und Reichweite richtet, verliert sie ihre Bedeutung.
Zugleich ist der digitale Raum nicht grenzenlos verfügbar – denn er braucht Orte, an denen Server stehen, Kühlgeräte, um Maschinen zu kühlen, Strom, um diese zu versorgen, und Ressourcen der Erde, um die Geräte herzustellen. Jede digitale Entscheidung hat also auch eine ökologische Dimension.
Die Enshittification des digitalen Raums ist ein Symptom eines tieferliegenden gesellschaftlichen Problems: dem Glauben, dass mehr immer besser ist und Aufmerksamkeit um jeden Preis erlangt werden muss. Ethisches Design setzt einen Gegenpol – bewusst, langsam und wertvoll. Es erzählt Geschichten statt Schlagzeilen und inspiriert, statt zu schreien.
Was kommt nach dem Plattformverfall?
Wie könnte der digitale Raum in Zukunft aussehen, wenn wir Verantwortung und menschliche Kreativität wieder mehr in den Fokus rücken?
Ich beobachte gerade zwei Entwicklungen:
• Unabhängige, dezentrale Communities
Digitale Räume, die Vertrauen, gemeinsame Werte und echte Interaktion fördern.
• Neue Wertschätzung menschlicher Kreativität
Menschen erkennen wieder den Wert echter Designer:innen und bevorzugen Qualität über Masse.
Letzteres berührt mich sehr. Menschen erkennen wieder den Wert menschlicher Kreativität und bevorzugen Qualität über Masse.
Design wird so wieder zu einer Arbeit mit Wert. Nicht zum Nulltarif, sondern als handwerkliche und kreative Leistung. Das gilt übrigens für alle kreativen Berufe: Musik, Copywriting, Illustration und mehr.
Ein Blick in die Zukunft
Ich hoffe, es entsteht eine neue Ära bewusster Gestaltung. Eine, in der wir uns entschieden für menschliche Kreativität einsetzen und für Authentizität statt Automatisierung. Das würde hoffentlich diese Massenproduktion an Content wieder zügeln.
Bewährte Werte, wie echte Verbindungen zwischen Marken und Menschen, zwischen Tradition und Innovation, dürfen wieder atmen. Der Anspruch ist dann nicht mehr Ästhetik und Trendjagd, sondern nachhaltige Gestaltung, die auf Dauer konzipiert ist.
Letztendlich geht es nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, bewusst zu gestalten: für Menschen, nicht für Algorithmen oder Plattformen.
Verantwortungsvolles Design beginnt mit genug.
Was sagt ihr zum Thema Enshittification? Findet ihr auch, dass sich alternative Wege stimmig anfühlen?
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